Ende 2012 lebten in Deutschland etwa 15.000 Frauen mit HIV, das sind fast 20% der insgesamt 78.000 HIV-positiven Menschen. Der Frauenanteil an den ungefähr 3.400 Neuinfektionen im Jahr 2012 betrug 12%. International sieht die Situation für Frauen anders aus: Weltweit sind 50%der HIV-Infizierten Frauen, in den meisten europäischen Ländern sind es 30% oder mehr.

Einer HIV-Forschung, die medizinische und psychosoziale Besonderheiten von Frauen berücksichtigt, wird weltweit inzwischen mehr Gewicht beigemessen. Nach wie vor gibt es aber immer noch mehr offene Fragen als befriedigende Antworten.

Noch immer sind HIV-positive Frauen in Studien häufig unterrepräsentiert. Wichtige Geschlechtsunterschiede und frauenspezifische Besonderheiten können so häufig kaum ausreichend untersucht werden. Die Übertragbarkeit der in internationalen Studien gewonnenen Erkenntnisse auf die Gegebenheiten in Deutschland ist wegen erheblicher Unterschiede im Bereich kultureller Hintergründe, materieller und sozialer Lebensbedingungen und divergierender medizinischer und psychosozialer Versorgungssysteme nur bedingt möglich.

Viele Studien weisen inzwischen darauf hin, dass die cART – die moderne antiretrovirale Kombinationstherapie - bei Frauen bei gleichem Zugang zur Behandlung ebenso wirksam ist wie bei Männern. Dennoch besteht nach wie vor dringender Forschungsbedarf hinsichtlich einer ganzen Reihe von Fragestellungen, z.B.:

  • Mit zunehmender Dauer der antiretroviralen Behandlung werden toxische Nebenwirkungen der Therapien und/oder Folgeerscheinungen der HIV-Erkrankung immer häufiger zum Thema. Geschlechtsunterschiede wurden bei Nebenwirkungen, Syndromen und Erkrankungen wie Fettstoffwechselstörungen, Lipodystrophie und Lipoatrophie, Osteopenie/Osteoporose, kardiovaskulären oder Lebererkrankungen, Nierenfunktionsstörungen oder allergischen Hautreaktionen festgestellt. Ursachen, Ausprägung und Behandlung müssen dringend geschlechtssensibel untersucht werden.
  • Einflüsse sowohl der HAART als auch der HIV-Infektion auf das endokrinologische System von Frauen und Wechselwirkungen zwischen diesen bleiben weitgehend unerforscht. Ob Frauen mit HIV früher in die Menopause kommen oder häufiger unter Zyklusstörungen leiden, ist bisher ungeklärt.
  • Hinweise auf erhöhte Plasmaspiegelkonzentrationen einiger antiretroviraler Medikamente, die bei Frauen in den toxischen Bereich gehen können, finden bisher nur unzureichend Eingang in Studien, aus denen differenzierte Dosierungsempfehlungen abgeleitet werden könnten.
  • Nebenwirkungen gehen nicht nur mit körperlichen, sondern häufig auch mit erheblichen psychologischen und psychosozialen Beeinträchtigungen einher. So leiden Frauen z.B. häufiger unter Depressionen. Auswirkungen auf Adhärenz und Therapieentscheidungen werden im klinischen und beraterischen Alltag häufig beobachtet. Eine Berücksichtigung dieser Aspekte in prospektiven, längerfristigen Studien und auch die Entwicklung von adäquaten Unterstützungs- und Behandlungsansätzen ist dringend erforderlich.
  • Seit Beginn der HAART-Ära wurde die Erforschung psychosozialer Aspekte wie Lebensqualität, Krankheitsbewältigung, sexuelle und reproduktive Gesundheit und gesundheitsfördernde Maßnahmen bei Frauen weitgehend vernachlässigt. Hier besteht ein dringender Bedarf an psychosozialer/sozialwissenschaftlicher und biomedizinischer Forschung. Diese könnte auch die Entwicklung angemessener Unterstützungsmaßnahmen und Interventionen befördern.
  • Die antiretroviralen Therapien haben zu einer deutlichen Verlängerung der Lebenszeit geführt. Menschen mit HIV haben heute oft eine annähernd normale Lebenserwartung und sind damit zunehmend auch von altersbedingten Erkrankungen betroffen. Die Zusammenhänge zwischen altersbedingten Veränderungen, HIV-Infektion und antiretroviraler Therapie und die Unterschiede zwischen Männern und Frauen müssen dringend erforscht werden.
  • Auch deutsche Studien weisen auf deutliche Defizite in der sozio-ökonomischen Situation von Frauen mit HIV hin. Besonders allein Erziehende sind von existenziellen Nöten und Armut betroffen. Die prekäre sozio-ökonomische Lage vieler HIV-positiver Frauen begründet auch die Forderung nach speziellen Ausbildungs- und Arbeitsplatzmodellen sowie die Evaluation entsprechender Maßnahmen.
  • Im Bereich der Migration wird über steigende Infektionszahlen und defizitäre Versorgungssituationen berichtet, aber auch hier fehlen sowohl systematische Erhebungen als auch zielgruppenspezifische Konzepte der Versorgung und Prävention.
  • (Über-)Leben mit HIV ist gekoppelt an Wissen über HIV. Was wissen Frauen mit HIV über ihre Infektion und die Therapie, und wie verändert sich dieses Wissen im Laufe der Jahre?


Die Sektion AAWS will durch eigene Forschung, aber auch durch die Unterstützung von Studienprojekten und die Sammlung und Weitergabe von Informationen zur Vermehrung des Wissens um frauenspezifische Aspekte der HIV-Infektion beitragen.